Zweifel & Befund

Notizen aus einem Land, das sich selbst erklärt

Hauptartikel

Wie man eine Technologie einführt und den Wirtschaftsstandort beschädigt

Ein Resümee: warum die E-Fuels-Geschichte niemanden überzeugen sollte, die Förderung nie beim Thema war – und was eine ehrliche Diskussion gebracht hätte

13. Oktober 2026 · von Gerald Stocker

Das Resümee

Wenn man sich die ganze Geschichte ansieht – vom Anfang, warum die Leute Angst vor dem Neuen haben, über die wissenschaftlichen Auswertungen bis zu der Auswertung, wer gegen die Elektrifizierung gekämpft hat –, dann bleiben am Ende ein paar Gedanken übrig. Sie gehören zusammen, und sie schließen diese Reihe ab.

Die E-Fuels-Geschichte

Der erste Gedanke gehört der E-Fuels-Geschichte. Da wurde eine Technologie vorgeschoben, die technisch dermaßen unsinnig ist, dass die Wissenschaft sie am ersten Tag zu den Akten gelegt hat – wirtschaftlich war sie ohnehin keiner Diskussion wert. E-Fuels bringen es im Personenkraftwagen auf einen Wirkungsgrad von rund 13 Prozent, ein Batteriefahrzeug auf rund 70 Prozent. Das ist keine Streitfrage, das ist Physik. Und jeder wusste es. Jedenfalls jeder, den ich kenne.

Ich habe mir die ganze Verhandlung angeschaut und mich gefragt, wen diese Geschichte eigentlich überzeugen soll. Hält man die Öffentlichkeit für so unkritisch, dass man ihr so etwas zumuten kann, ohne dass es sofort auffällt?

Die interessantere Beobachtung ist aber eine andere: Es ist durchaus aufgefallen. Es gab niemanden, der diese Geschichte für eine echte Alternative hielt – vom Fachmann bis zum Nachbarn, der sich den Spritpreis notiert. Die Menschen haben sie trotzdem nicht zurückgewiesen. Warum nicht? Weil sie eine Hoffnung bedient hat. Die Hoffnung, dass der eigene Verbrenner weiterläuft. Dass das günstig gebrauchtes Auto weiter erlaubt ist und weiter erhältlich bleibt – weil man es gewohnt ist, und weil man, ganz unpolemisch, wirtschaftlich darauf angewiesen ist, ein günstiges Auto zu haben, um zur Arbeit zu kommen. Mehr nicht.

Das ist der eigentliche Befund: Eine durchschaute Geschichte trägt trotzdem, wenn sie exakt der Hoffnung dient, die die Menschen haben. Die Botschaft dieser Kampagne hieß ja nie „E-Fuels sind sinnvoll“. Die Botschaft hieß: Dein Auto bleibt. Gegen diese Botschaft kam die Physik nicht an – so lange, bis die Technologie so reif war, dass es niemanden mehr interessiert hat, was die Physik sagt.

Der Satz, den niemand gesagt hat

Der zweite Gedanke gehört in die Förderdiskussion, und hier fehlt in der öffentlichen Erinnerung der entscheidende Punkt. Die Wirtschaftswissenschaftler haben gesagt, was zu sagen war: Nehmt die Gebrauchten mit in die Förderung. Dann fängt der Gebrauchtmarkt an zu funktionieren, und die Menschen mit schmalem Budget kommen in ein Elektroauto – gebraucht, günstig, sofort. Geschehen ist es nicht. Und der Grund ist kein Geheimnis: Damit Neuwagen verkauft werden. Kein anderer Grund. Die Förderung war nie dazu da, das E-Auto zu pushen. Sie war dazu da, dass VW und BMW Neuwagen verkaufen. Das ist offenkundig, und jeder hat es verstanden.

Man kann das so machen. Man kann es sogar verstehen – ich kann es zum Teil nachvollziehen und unterstützen, denn ich weiß, was der Automobilstandort für dieses Land bedeutet. Aber es hilft dem Thema nicht. Und es hätte nicht einmal dem Thema schaden müssen. Es hätte nur eines einzigen Satzes bedurft, etwa dieses:

„Ja, wir fördern E-Autos – im Moment mit 6.000 Euro. Aber wir fördern so, dass Arbeitsplätze erhalten werden. Und genau deshalb fördern wir nur Neuwagen.“

Das wäre eine völlig korrekte Aussage gewesen. Sie hätte alles erklärt. Sie wäre ein klarer, benannter Kompromiss gewesen: Wir fördern das E-Auto, und wir fördern es so, dass unsere Konzerne und die Beschäftigten etwas davon haben. Jeder wäre mitgegangen. Die Diskussion wäre beendet gewesen, und die Fachleute hätten schweigen können, weil man ihnen nichts mehr vorenthalten hätte.

Gesagt wurde dieser Satz nicht. Gesagt wurde: Wir fördern E-Autos. Warum und wie, wurde nicht gesagt.

Die Diskussion, die nie stattgefunden hat

Damit fehlt der ganze zweite Teil: eine ehrliche Diskussion. Bei allem Hin und Her – Förderung ja oder nein, E-Fuels, Streckungen – haben die Beteiligten ihre Positionen verkauft, als hätte man es mit einem Land zu tun, dem man einen Intelligenzquotienten von 50 zubilligt. Eine ehrliche Diskussion hätte etwa so ausgesehen: Wir können die Technologie nicht verhindern, trotz aller Mittel. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass sie eingeführt wird und normal wird – dann verkaufen wir auch wieder Autos. Und ob ein Konzern Luxusautos oder Massenautos verkauft und wie er sein Marketing aufstellt, ist sein eigenes Problem.

Eine ehrliche Diskussion hätte zweitens gefragt: Wie gestalten wir den Übergang so, dass die Arbeitsplatzverluste abgefangen werden? Das wäre eine politische Auseinandersetzung geworden, die – schätze ich – erheblich interessanter gewesen wäre als das, was wir stattdessen hatten: die Inszenierung eines Kampfs, der längst entschieden war.

Das ernüchternde Fazit

Das Ergebnis ist ernüchternd. Wir haben eine Technologie, die das Wirtschaftsmodell der Autofirmen bedroht. Wir haben versucht, es mit Sirenen zu verhindern – mit Warnungen, Ausnahmen und Streckungen. Eine ehrliche politische Diskussion ist, meiner Meinung nach, nicht entstanden. Und jetzt stehen wir vor dem großen Desaster am Ende.

Betroffen davon sind ausgerechnet die, die von der ganzen Frage am wenigsten gefordert haben: die Menschen, die neben Miete, Versicherung, Essen und Kleidung einen brauchbaren, bezahlbaren, fahrbaren Untersatz benötigen, um überhaupt zur Arbeit zu kommen. Für die gibt es wieder keine Möglichkeit. E-Autos sind teuer. Verbrenner sind mittlerweile teuer im Unterhalt. Und die Gebrauchtwagen werden nicht gefördert und nicht in die Masse gebracht.

Somit schauen wir am Ende auf eine Reihe, die angefangen hat mit der Frage, warum wir Angst vor dem Neuen haben, und die geendet hat bei einer Regierungstechnik, die die Angst gepflegt hat, statt sie zu erklären. Oder haben wir, wenn man es nüchtern bilanziert, vor allem ein Lehrstück für die politische Diskussion in Deutschland?

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