Zweifel & Befund

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Warum haben wir Angst vor dem Neuen?

Warum eine Batterie gefährlich ist, während 50 Liter Benzin im Tank ein beruhigendes Gefühl vermitteln

5. Oktober 2026 · von Gerald Stocker

Es fing mit einer ganz gewöhnlichen Diskussion auf Facebook an. Jemand hatte etwas über Elektroautos geschrieben. Genauer gesagt darüber, wie gefährlich und umweltschädlich die Lithium-Ionen-Akkus seien.

Und wie das bei Facebook so ist, dauerte es nicht lange, bis sich in den Kommentaren weitgehend Einigkeit einstellte: Diese Batterien sind problematisch, die Herstellung belastet die Umwelt, und überhaupt – warum sollten wir auf so eine Technologie umsteigen? Ich fand die Diskussion bemerkenswert, weil sich hier der eigene Freundeskreis fröhlich über eine der zentralen Technologien einigte, die gerade unsere persönliche Freiheit klimafreundlich erhalten möchte.

Dazu die logische Frage zum Thema: Worüber regt ihr euch eigentlich so auf? Benzin zu verbrennen ist schließlich auch nicht gerade ein Beitrag zum Umweltschutz.

Skeptiker sind zu 99% keine Idioten

Natürlich ist die Herstellung einer Batterie mit Umweltbelastungen verbunden. Rohstoffe müssen gewonnen, verarbeitet und transportiert werden. Das sind reale Probleme. Nur gilt das Prinzip, die Umweltfolgen einer Technologie zu untersuchen, selbstverständlich auch für das, was wir bisher benutzen.

Wir fördern Erdöl, transportieren es um die halbe Welt, raffinieren es, verteilen es an Tankstellen und verbrennen es anschließend in Millionen Motoren. Das alles ist für uns so normal geworden, dass wir darüber beim Autokauf kaum noch nachdenken. Bei der Batterie dagegen scheint plötzlich jeder einzelne Produktionsschritt eine gesellschaftliche Grundsatzfrage zu sein.

Wer einer neuen Technologie skeptisch gegenübersteht, hat dafür seine Gründe. Vielleicht ist sie teuer. Vielleicht funktioniert sie noch nicht richtig. Vielleicht fehlen Erfahrungen, Ersatzteile, Werkstätten oder die notwendige Infrastruktur. Das ist alles durchaus vernünftig.

Umgekehrt sind auch die Technikbegeisterten zu 99% keine Idioten. Sie erkennen neue Möglichkeiten, probieren Dinge aus und nehmen dafür gelegentlich Schwierigkeiten in Kauf, die andere Menschen verständlicherweise nicht haben möchten. Ohne solche frühen Nutzer würden sich viele Technologien vermutlich erheblich langsamer verbreiten.

Das Interessante beginnt, wenn die Technik sich weiterentwickelt. Ein Elektroauto, das vor fünfzehn Jahren für bestimmte Anforderungen ungeeignet war, muss heute nicht mehr ungeeignet sein. Und eine Technologie, die vor fünfzehn Jahren begeistert hat, muss deshalb heute noch lange keine gute Lösung sein.

Eigentlich müssten wir unsere Urteile gelegentlich aktualisieren. Das scheint allerdings bei Software einfacher zu funktionieren als bei Meinungen. Wir können uns jetzt über die restlichen 1% streiten – für mich ist die Diskussion mit den 99% die wichtigere.

Das Internet durfte trotzdem kommen

Beim Internet haben wir uns bemerkenswert unkompliziert verhalten. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben wir große Teile unserer Kommunikation, unserer Informationsbeschaffung und unseres Einkaufsverhaltens verändert. Wir schreiben Nachrichten, lesen Zeitungen, schauen Filme, bestellen Waren und unterhalten Kontakte über digitale Plattformen.

Warum haben wir das alles so bereitwillig angenommen? Vermutlich, weil der persönliche Nutzen ziemlich unmittelbar erkennbar war. Es wurde einfacher, schneller und bequemer.

Natürlich haben wir uns damit auch neue Probleme geschaffen. Wie verändern soziale Medien unsere öffentliche Diskussion? Was geschieht mit persönlichen Begegnungen, wenn Kontakte zunehmend digital gepflegt werden? Wie gehen wir mit Desinformation und der Macht großer Plattformen um?

Interessant ist vor allem die Reihenfolge. Beim Internet haben wir die Möglichkeiten begeistert genutzt und viele gesellschaftliche Fragen anschließend diskutiert. Bei anderen Technologien diskutieren wir teilweise so lange über mögliche Folgen, dass die Technik währenddessen schon wieder eine Generation weiter ist.

Wenn unsere Meinung länger hält als die Technik

Technologien verändern sich. Batterien werden weiterentwickelt. Computer werden leistungsfähiger. Maschinen werden effizienter. Unsere Meinungen haben dagegen oft eine bemerkenswerte Haltbarkeit.

Wer einmal erlebt hat, dass eine neue Technik nicht funktioniert, hat einen guten Grund, skeptisch zu sein. Aber was passiert, wenn die Ursache inzwischen behoben ist? Prüfen wir unsere Einschätzung erneut? Oder erklären wir lieber, weshalb wir damals recht hatten?

Wir beschäftigen uns ausführlich mit den Problemen neuer Technologien. Das müssen wir auch. Aber beschäftigen wir uns genauso intensiv damit, welche dieser Probleme inzwischen gelöst wurden? Und prüfen wir die Vorteile vertrauter Technologien eigentlich noch mit derselben kritischen Aufmerksamkeit?

Das bedeutet nicht, dass sich jede Neuerung durchsetzen sollte. Manche Ideen sind schlicht untauglich. Andere sind technisch interessant, aber wirtschaftlich unsinnig. Fortschritt und Verbesserung sind schließlich nicht dasselbe. Nur sollten wir uns diese Einschätzung aufgrund des aktuellen Wissens erlauben – und nicht ausschließlich aufgrund dessen, was wir vor zehn Jahren einmal gelernt haben.

Was sagt das eigentlich über unsere Gesellschaft?

Mich interessiert an dieser Frage inzwischen weniger, ob jemand elektrisch oder mit Benzin fährt. Mich interessiert, wie wir als Gesellschaft mit neuen Möglichkeiten umgehen. Wie unterscheiden wir zwischen berechtigter Skepsis und überholten Vorbehalten? Wie erkennen wir, wann eine Technologie tatsächlich ausgereift ist?

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir gegenüber dem Neuen skeptisch oder begeistert sind. Entscheidend ist, ob wir unsere Meinung ändern können, wenn sich die Tatsachen ändern.

Das klingt eigentlich selbstverständlich. Für eine Gesellschaft, die sich ständig verändern muss, ist es möglicherweise trotzdem eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe. Meiner Erfahrung nach verfestigen sich solche Diskussionen eher, als dass offen nach einer Lösung gesucht wird.

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