Zweifel & Befund

Notizen aus einem Land, das sich selbst erklärt

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Wie man einen Verbündeten begräbt

21. Oktober 2026 · von Gerald Stocker

„Recht ist, was der eigenen Sippschaft frommt.“ Diesen Satz schrieb Ödön von Horváth 1937 in „Jugend ohne Gott“ und nannte ihn den Standpunkt des Verbrechers. Heute ist der Satz keine Warnung mehr, sondern eine Beschreibung der amerikanischen Politik.

Fast neunzig Jahre später braucht er deshalb nur eine einzige Aktualisierung: Nicht der Sippschaft wird gedient, sondern dem Gott des Geldes, und es wird dem Geld gehuldigt und dem Sieg. Oder andersrum: Das Geld ist mehr wert als die Moral. Amerika hat nicht einen Mann gewählt, sondern Geld, und der Mann war die Verpackung.

Der einzige Fehler im Gedankengang der Amerikaner war, dass der Erwählte die Idee zu Ende gedacht hat und nur seine eigene Brieftasche als wirklich wertvoll angesehen hat. Dumm gelaufen: Der gemeine Amerikaner wundert sich über Zölle, Steuern und Inflation – und die Republikaner erleben, dass ihr jahrzehntealtes Feindbild „Die Russen kommen“ auf einmal heißt: „Die Russen kommen zum Tee und dürfen mit uns spielen.“

Ich wundere mich nicht mehr. Vor sechs Monaten hätte ich mich noch aufgeregt, verzweifelt an der politischen Inkompetenz, die Feinde zu Freunden und die Freunde zu Feinden zu machen. Aber jetzt, wo es verstanden ist, wo der Wert liegt und wo die Moral nur noch von den kleinen oder unvermögenden Leuten hochgehalten wird, da ist kein Aufregen oder Zucken. Die Sprache und die Handlung sind klar und verstanden.

Es tut fast körperlich weh, aber es wundert nicht mehr. Da ist ein kleiner Potentat, der auf zu viel Gas und Öl sitzt, aber sonst so ziemlich gar nichts zu bieten hat – und gerade deshalb hat er die Freude: Es geht nur ums Geld, und wer auf Öl und Gas sitzt, sitzt richtig. Wir Europäer dürfen uns mit der Ukraine hinten anstellen und kriegen unsere historische Genügsamkeit der letzten Jahre mal wieder unter die Nase gerieben: Als ehemalige Kolonialmächte und einstige Herrscher der Welt stehen wir wieder hinten an.

Europa merkt von alledem nur, dass es nicht beachtet wird. Wer nicht einmal mehr beachtet wird, kann nichts mehr gestalten. Tote hin und her, es hilft den anderen, wenn wir schwach sind.

Und den europäischen Politikern, die jetzt auf die Midterms hoffen oder auf die nächste Präsidentschaftswahl, kann ich nur eines sagen: Die Botschaft ist in der Welt. Falls sich bei den Midterms oder den Präsidentschaftswahlen wirklich etwas ändert, wird es kurzfristig sein. Die drei Großen handeln und dealen, wie sie wollen, und wir anderen dürfen zugucken, solange wir keine eigene Macht haben. Auch in fünf Jahren ist die Botschaft in der Welt: „Du musst sie nicht beachten.“

Wir sollten verdammt nochmal unsere USA-Hörigkeit aufgeben, die Amerikaner für unsere Ziele nutzen und betreten wegschauen, wenn sie mal wieder irgendeinen kleinen Krieg anfangen – und lieber unser kleines, friedliches Europa verteidigen. Und schauen, dass man den Russen nebenbei noch eins auf die Nase gibt. Sie waren wirklich frech und es ist gut fürs Image, dem Bully von früher eins auszuwischen.

Die ganze Welt hat gelernt, dass man Europa ignorieren kann – Freunde haben es gelernt, Gegner erst recht. Das bleibt so, so lange, bis wir alle Europa reparieren.

Quellenverzeichnis

  • Der Satz „Recht ist, was der eigenen Sippschaft frommt“ und der Standpunkt des Verbrechers: Ödön von Horváth, Jugend ohne Gott (1937)

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